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Medienkritiker: Keine Zensur in deutschen Medien - aber elitenhörige Journalisten

Die Journalisten müssen sich die Medien zurückerkämpfen und ihre Spielräume nutzen. Das fordert der Journalist und Medienkritiker David Goeßmann, Mitbegründer des unabhängigen TV-Nachrichtenmagazins Kontext TV, im Interview. Sie sollten ihre eigenen Medienunternehmen kritisieren. So könnten Medien wahrheitsgetreuer und verlässlicher werden.

Der Begriff „Lügenpresse“ sei falsch gewählt, erklärte David Goeßmann im Sputniknews-Interview mit Armin Siebert. Das Wort gehe am eigentlichen Problem vorbei. Es gebe keine vollkommenen Lügen oder Falschmeldungen in den deutschen Medien. „Das Problem ist, dass die Botschaften aus den politischen und wirtschaftlichen Eliten kritiklos übernommen werden, und dass Tatsachen, die diese Botschaften in Frage stellen, herausgefiltert werden.“ Das Infragestellen bleibe aus, wie sich im Fall Griechenland, aber auch bei der Ukraine-Krise gezeigt habe.

Journalisten hätten die Pflicht, Informationen zu überprüfen, so Goeßmann. Doch das geschehe oft nicht, wie zum Beispiel in der Ukraine-Krise beim Abschuss von MH 17 deutlich wurde. Da sei der Eindruck erweckt worden, als ob Putin oder die ostukrainischen „Separatisten“ das Flugzeug abgeschossen hätten. Doch bis heute sei dazu nichts geklärt, „wir wissen nicht, was passiert ist“. Ähnliche Abschüsse in der Vergangenheit hätten nicht solche Empörungswellen ausgelöst, „obwohl wir nachher wussten, dass es sehr wahrscheinlich war, dass die USA, Israel oder die NATO dafür verantwortlich waren“.

In allen Medien wird gefiltert

Der Journalist und Medienkritiker bestätigt, dass in allen Medien „offensichtlich“ gefiltert wird. „Das hat jeder Journalist mal erfahren.“ Das werde natürlich nicht Zensur genannt, habe aber meist redaktionelle oder andere Gründe. „Meistens zensieren sich die Journalisten selber im Vorfeld“, so dass es keine redaktionellen Interventionen brauche.

Goeßmann findet merkwürdig, dass bei der Debatte zur Flüchtlingskrise den Medien vorgeworfen werde, dass sie zu regierungsfreundlich berichteten. Das geschehe selbst in TV-Talkshows wie „Hart aber fair“. Er sieht dahinter eine Strategie: „Es geht darum, den Regierungskurs in eine bestimmte Richtung zu drücken, eher auf Abwehr von Flüchtlingen.“ Die Bundesregierung habe darauf schon reagiert, unter anderem durch das verschärfte Asylrecht. Vor dem Hintergrund der Ereignisse zu Silvester vor dem Kölner Hauptbahnhof versuchten die Medien, die Regierungspolitik weiter zu verschärfen und für eine härtere Abschiebepraxis zu sorgen. Goeßmann findet das „relativ eindeutig“.

„Meidennutzer reagieren sensibler – Ukraine war ein Auslöser“

Die Frage, ob die politische Ausrichtung der Leitmedien sich geändert habe, sei nicht eindeutig zu beantworten, meint Goeßmann. Es gebe heute keine pauschal schlechtere Berichterstattung als früher. Aber die Bürger als Mediennutzer würden sensibler reagieren. „Die Ukraine war da ein Auslöser.“ Dazu habe beigetragen, dass im Internet Informationen zu finden seien, „die zum Beispiel bei der ARD nicht vorkommen“. „Die Sensibilität hat zugenommen.“

Goeßmann findet aber, dass vor allem die außenpolitische Berichterstattung der Leitmedien schlechter geworden sei. Die Außenpolitik der Bundesregierung „tragen die deutschen Medien fast 1:1 mit“. „Viele Deutsche finden das nicht gerechtfertigt, insbesondere, was die Ukraine und Russland angeht.“ Die Medien zeigten nicht das volle Bild. „Die Bürger wollen das volle Bild, nicht nur das einseitige Bild aus der deutschen Perspektive.“

Subjektivität bei Journalisten sieht Goeßmann nicht als Problem. Entscheidend sei der Rahmen, in dem sie sich bewegen. „Der wird nicht von den einzelnen Journalisten vorgegeben. Der wird relativ komplex hergestellt.“ Eine Rolle spielten dabei die Leitmedien, die bekannten Kommentatoren und die von ihnen vorgegebene Linie. Das habe sich bei der Ukraine-Krise „sehr schnell“ gezeigt. Es sei schnell klar gewesen, dass die Bundesregierung und die EU den Aufruhr in dem Land und das Assoziierungsabkommen wollten – „das geben dann die Journalisten wieder“. Die ARD-Korrespondenten hätten beispielsweise die rechte Gewalt auf dem Maidan in Kiew viel früher thematisieren müssen, kritisiert Goeßmann, der selber für die ARD gearbeitet hat. „Sie haben vollkommen übersehen, dass es dort ein Staatsstreich gegeben hat. Sie haben das einfach durchgewunken.“ Dass das in den deutschen Medien nicht thematisiert wurde, liege aber nicht an den einzelnen Journalisten vor Ort. „Die erahnen, was gewollt ist.“

„Freiwillige Selbstzensur“

Es gebe keine Zensur in den deutschen Medien, verneint der Medienkritiker eine entsprechende Frage: „Das machen die Journalisten freiwillig.“ Das liege an den Strukturen der Massenmedien, die keine unabhängigen Institutionen seien, die in der Gesellschaft freischwebend existieren. „Einige wenige Konzerne wie Bertelsmann, Springer oder die Funke Mediengruppe haben den größten Teil der Medienproduktion unter sich.“

Zu diesen Faktoren kämen die Geschäftsmodelle der Medienunternehmen, die sich über das Anzeigengeschäft finanzierten. Die Anzeigen würden wieder meist von großen Konzernen geschaltet. Es müsse auch beachtet werden, wer die Nachrichten und Informationen liefere: „der Staat, Parteien, große verbände, Wirtschaftsunternehmen“. Das führe bei den Medien zu einer „Schlagseite“.

Gefragt nach einer eventuell elitären Weltsicht vor allem bei Journalisten der großen etablierten Medien, meint Goeßmann, dass es sehr wichtig sei, zu sehen, „wo sich die Menschen aufhalten, in welchen Clubs und Netzwerken sie unterwegs sind“. Doch nicht deshalb berichteten sie beispielsweise NATO-freundlich: „Sie sind in diesen Netzwerken drin, weil sie schon so ausgewählt wurden für ihre Position, weil sie eben der transatlantischen Denkweise nahestehen.“

„Wir müssen uns die Medien zurückerkämpfen“

Das Internet ist für den Journalisten und Medienkritiker gleichzeitig Segen und Fluch für den Journalismus. Das Internet sei nicht anders strukturiert als die bisherigen Massenmedien vorher. „Die großen Verlage haben auch heute noch das Sagen im Internet, in der Meinungsbildung.“ Es gebe zwar „Inseln“ und alternative Medien für andere Sichtweisen, „aber die Meinungsmachtverhältnisse im Internet haben sich nicht geändert“, ist sich Goeßmann sicher. Er fordert seine Zunft auf, die Spielräume innerhalb der Medienstrukturen zu nutzen. Die gebe es, „auch immer wieder Journalisten in den Mainstreammedien, die wichtige Informationen bringen“.

„Die Journalisten sollten anfangen, die Medien stärker zu kritisieren, ihre eigenen medienunternehmen und –anstalten, wenn sie nicht damit einverstanden sind. Wir müssen uns die Medien zurückerkämpfen“, so Goeßmann abschließend.

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